Romana Waller
Die City Managerin Aaraus im Interview
Romana Waller wirkt seit sechs Jahren als City-Managerin in Aarau. Ein Gespräch über Leerstand, Parkplätze, den neuen «love Aarau»-Stadtplan und die Frage, warum der Strukturwandel für die Innenstadt auch eine Chance sein könnte.
Romana Waller, Sie sind seit Herbst 2020 zuerst mit einem 40 %-Pensum, jetzt mit 60 % als City-Managerin bei Aarau Standortförderung tätig. Welche Bilanz ziehen Sie nach sechs Jahren?
Die letzten Jahre werte ich allesamt als überaus spannend und positiv! Als ich im September 2020 gestartet bin, gab es eine solche Funktion lediglich in einer Schweizer Stadt, und das auch erst seit ein paar Monaten. Es war die Gelegenheit, auf einer weissen Leinwand zu wirken und Pionierarbeit zu leisten. Inzwischen ist die Position des City-Managers schweizweit deutlich bekannter und etablierter. Auch in Aarau, wo wir in den letzten sechs Jahren viel Arbeit investiert haben.
Sie erwähnten es: Das Modell gilt vielerorts als etabliert. Trotzdem dürfte es nicht allen geläufig sein. Wie würden Sie Ihre Aufgabe beschreiben?
In erster Linie sehe ich mich als Bindeglied und Ansprechperson für Innenstadt-Fragen. Meine Aufgabe ist es, die diversen Akteure, etwa die Immobilieneigentümer oder das Gewerbe, an einen Tisch zu bringen und im Austausch schon früh Entwicklungen zu erkennen, um entsprechend zu reagieren und Lösungen zu finden. Auch das Anreissen von Events oder Aktivitäten gehört dazu. All das greift gewissermassen in den Bereich der Aufenthaltsqualität, bei der ich die Nutzungsperspektive einnehme und als Ansprechperson fungiere.
Wie gehen Sie bei Leerstand vor?
Ein Patentrezept für diese Situation gibt es natürlich nicht. In erster Linie versuchen wir mit unserem breiten Netzwerk immer, schon vor einem eventuellen Leerstand mit den Besitzern in Kontakt zu treten. Danach tauschen wir uns aus und besprechen mit der Eigentümerschaft die nächsten Schritte: Was könnten passende Angebote sein? Was passt überhaupt an den Ort? Wir führen zum Beispiel eine Warteliste mit interessierten Gewerbetreibenden und können den einen oder anderen Kontakt vermitteln.
Konnten in der letzten Zeit entsprechende Flächen belegen?
Momentan sind wir an verschiedenen Projekten dran, die noch nicht spruchreif sind. Auf das Jahr gesehen sind wir aber bei sechs bis acht Vermittlungen. Dieses Jahr konnten wir beispielsweise am Hammer die «Armando's pane e vino Weinbar» gewinnen. Diese Liegenschaft war von der Stadt ausgeschrieben, und durch unser Netzwerk haben wir die jetzigen Inhaber darauf aufmerksam gemacht und so einen kulinarischen Höhepunkt geholt.
Im März fand zum vierten Mal das Forum für Immobilieneigentümer/innen statt, das Sie federführend ins Leben gerufen haben. Wie kam es dazu?
Ich habe schlicht gemerkt, dass die Immobilienbesitzer, anders als etwa das Gewerbe, gar nicht näher organisiert sind. Dabei spielen die Eigentümer eine überaus grosse Rolle, die ich mit dem Forum an einen Tisch bringen will. Die Themen sind vielfältig: Neben der Besetzung der Ladenflächen mit einem breiten Angebotsmix treibt die Immobilienbesitzer vor allem die nachhaltige Entwicklung ihrer Liegenschaften um. Und natürlich das Thema Mobilität.
Schlagwort Mobilität: Da werden Parkplätze immer wieder ein Thema sein, oder?
Ja, das stimmt. Auch da nehmen wir an den Workshops der Stadt teil und versuchen, auf die Interessen des Gewerbes, namentlich die gute Erreichbarkeit der Innenstadt, aufmerksam zu machen. Wir versuchen abzuwägen, wo Parkplätze sinnvoll sind und wo diese gegebenenfalls für Klimamassnahmen weichen können. Aber schon heute darf man sagen, dass wir eine sehr gute Erreichbarkeit haben, die wir schätzen und so beibehalten wollen.
Viele Ihrer Aufgabenbereiche dürften nahe an den Zuständigkeiten der Stadt Aarau selbst liegen. Wo verläuft die Grenze zwischen Ihrer Rolle und jener der städtischen Verwaltung – und wie eng ist die Zusammenarbeit?
Wir stehen in engem Austausch, insbesondere bei Themen rund um die Aufenthaltsqualität. Die Markthalle zeigt dies exemplarisch. Das City Management verantwortet und kuratiert den Betrieb der Halle als Stadt-Treffpunkt mit unterschiedlichsten Aktivitäten, Nutzungen und Events, während die Stadtentwicklung sich für die Gestaltung und baulichen Massnahmen des Ortes kümmert. Es braucht beide Perspektiven, und vor allem das Miteinander.
Wie sieht die Zusammenarbeit mit anderen Städten aus – tauschen Sie sich über den Aarauer Tellerrand hinaus mit City-Manager/innen anderer Orte aus?
Diesen Frühling wurde City Management Schweiz gegründet. Aarau hat diese Verbindung von City-Managern aktiv mitgetragen und bringt die Erfahrung in das neue Netzwerk ein. Und man merkt: Obwohl die Städte unterschiedlichster Grösse sind, treiben sie ähnliche Themen um.
Sie gelten, wie bereits erwähnt, als eine der Pionierinnen auf Ihrem Gebiet. Welche berufliche Erfahrung bringen Sie mit, die Ihnen das nötige Rüstzeug für diese Aufgabe gegeben hat?
Ich habe Betriebswirtschaft studiert und danach Projektleiter-Funktionen bei grossen Schweizer Retailern und in der Immobilienbranche bekleidet. Schlussendlich muss man aber nicht nur fachlich auf der Höhe sein, sondern schlicht gerne mit Menschen arbeiten. Damit man auch dieses Bindeglied zwischen den verschiedenen Interessengruppen sein kann.
Wussten Sie genau, worauf Sie sich da als City-Managerin einlassen?
Es gab schon einen Aufgaben- und Zielbeschrieb, aber eben: Das City Management war noch weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Dazu kam, dass wir noch keine Datengrundlage hatten. Also sind wir durch die Altstadt gelaufen und von Laden zu Laden getingelt. Bei einem 40 %-Pensum war das nicht immer so einfach.
Ihr Pensum wurde nun auf 60 % aufgestockt. Ihr Tätigkeitsfeld wirkt aber deutlich umfangreicher. Wie bewältigen Sie das Arbeitspensum, und wo stossen Sie an Grenzen?
Es ist eine Frage der Priorisierung. Dazu muss man sehen, dass ich nicht allein arbeite, sondern mit dem Team der Aarau Standortförderung zusammen und dort viele Synergien nutzen kann. Das City-Management darf generell nicht isoliert als eine Person dastehen – es ist immer ein Team dahinter, das mich punktuell unterstützt und beispielsweise meine Arbeit nach aussen kommuniziert.
Was steht für Aarau 2026 noch in den Büchern?
Wir haben kürzlich den «love Aarau»-Stadtplan lanciert. Darin wollen wir das Angebot Aaraus präsentieren und den Leuten etwas auf den Weg geben, um die Stadt zu erkunden. Aarau ist eine traditionelle Marktstadt und zugleich eine moderne Einkaufsdestination mit zahlreichen kleinen, oft inhabergeführten Läden und Boutiquen. Liebevoll ausgewählte Produkte, persönliche Beratung und besondere Entdeckungen machen den Aufenthalt bei uns einzigartig. Dazu kommen die kulinarischen Erlebnisse, von gemütlichen Cafés über Restaurants zum Verweilen bis hin zu Bars mit stilvoller Atmosphäre.
Demnach sind Sie auch im Bereich Tourismus tätig?
Das überschneidet sich. Eine Innenstadt muss in der heutigen Zeit mehr sein als «nur» Einkaufen. Eine Innenstadt ist Gastronomie, es ist Kultur und Freizeit. Das Erlebnis wird immer wichtiger – das kann man online nämlich nicht erleben, anders als das Shoppen. Das probieren wir auch überregional bekannt zu machen. Hierzu ist auch die Ernennung Aaraus zur Kulturhauptstadt 2030 ein grosser Schritt, der uns freut und Potenzial eröffnet.
Apropos Kultur: Welche Events stehen vor der Türe?
Bald steht ja wieder Weihnachten an (lacht). Den Weihnachtsmarkt «Lieblingsstück» konnten wir letztes Jahr klein, aber fein kurzerhand wiederbeleben, nachdem dieser auf der Kippe stand. Auch dieses Jahr wird er unter dem Namen «Advent in der Altstadt» stattfinden. Ebenso findet der Chlausauszug statt, auch das beliebte Night-Shopping wird wieder kommen. Eine Weihnachtszeitung werden wir ebenfalls wieder herausgeben. All diese Vorgänge starten jetzt – auch wenn es im Herbst noch 25 Grad hat (lacht).
Sie haben das letzte Wort.
Innenstädte erleben momentan einen Strukturwandel. Wir müssen das als Chance betrachten. Während gewisse Konzepte verschwinden, entsteht Platz für neue Ideen. Aarau hat gute Voraussetzungen, diesen Ideen Raum und Platz zu bieten und weiterhin eine lebendige Stadt zu sein.
Joel Dreier
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