Helena Hodel
begleitet im Rahmen der Palliative-Care-Begleitgruppe Sterbende
Am 26. März entscheidet der Oftringer Souverän über die Einzonung der Parzelle 420 und damit auch die Zukunft des Grossprojektes «enphor». Im Vorfeld der Gemeindeversammlung lud der Gemeinderat mit einem Expertengremium zu einer Infoveranstaltung.
Oftringen Sie verwertet in ihrem lodernden Feuer 70'000 Tonnen Abfall, lässt mit ihrem Strom Lichter in 15'000 Haushalten hell erleuchten und bringt die Wärme ihres Feuers per Fernwärme in rund 3000 Haushalte: Die Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Oftringen ist mitsamt der benachbarten Abwasserreinigungsanlage (ARA) ein wichtiger Stützpfeiler der Region. Nach rund 34 Jahren Dauereinsatz bei etwa 1000 Grad befindet die Anlage jedoch langsam aber sicher im «Pensionsalter». An eine Region ohne KVA möchten der Verband erzo mit seinen elf Verbandsgemeinden wie auch der Oftringer Gemeinderat gar nicht erst denken. Ganz im Gegenteil: Mit der Vision «enphor» treiben die Verantwortlichen ein Projekt an, dass die KVA noch umfassender in den Mittelpunkt stellt.
Doch der Reihe nach: Was ist «enphor»? Die Wortschöpfung aus «Energieerzeugung» und «Phosphor- Rückgewinnung» visioniert ein Gesamtsystem, in dem die KVA eine zentrale Rolle als Synergiepol spielt. Zum einen soll die KVA, analog dem aktuellen Stand, die regionale Energieversorgung unterstützen, indem mit der Hitze der Kehrichtverbrennung Strom und Fernwärme generiert werden. Eine weitere Synergie entsteht dadurch, dass die gewonnene Prozesswärme für die Trocknung des Klärschlammes aus der angrenzenden ARA genutzt werden kann. Diese ersetzt dabei den in die Jahre gekommenen Drehrohrofen und bildet gleichzeitig die Vorstufe zum bereits gesetzlich vorgeschriebenen Phosphor-Recycling.
Die erste Lanze für das Projekt brach der Präsident der erzo KVA, Hans-Martin Plüss. Er machte unmissverständlich klar, was sich als roter Faden durch den Abend zog: Ein Ersatzbau der KVA sei alternativlos. Schlicht, weil in der Oftringer KVA so viele Synergien vorhanden sind und die Komponenten voneinander abhängig sind.
Denn in einem Stilllegungsszenario, das vor wenigen Jahren noch debattiert wurde, würden nicht nur Stromerzeugung und Fernwärme wegfallen, sondern auch der Klärschlamm der ARA könnte nicht mehr getrocknet werden. Dieser müsste nach extern verfrachtet werden – ebenso wie der «Güsel», der in Buchs oder Zuchwil zu höheren Preisen verwertet würde. Dies sei ein Verlustgeschäft für alle Beteiligten.
Thomas Peyer beleuchtete auch eine Renovation, welche im Rahmen des Projekts untersucht wurde. Diese berge jedoch grosse Risiken, zum einen baulich, vor allem aber finanziell. Man müsse mit Investitionen zwischen 150 und 200 Millionen Franken rechnen – ein Risiko, das notabene vollständig bei den elf Verbandsgemeinden (Aarburg, Brittnau, Murgenthal, Oftringen, Reiden, Rothrist, Safenwil, Strengelbach, Vordemwald, Wikon und Zofingen) läge. Dazu komme, dass man die Betriebszeit nur künstlich verlängern würde. Dies sei keine nachhaltige Lösung, so Peyer.
Peyer präsentierte den Ersatzbau als Königsweg. Grundsätzlich hätte man damit für die nächsten 40 Jahre einen gesicherten Standort für die Verwertung des immer mehr werdenden Abfalls in der Region. Die Leistung der neuen Anlage stelle zudem jene der alten in den Schatten: Sie könne rund 160'000 Tonnen Abfall jährlich verwerten, doppelt so vielen Haushalten Strom liefern und Fernwärme für circa 15'000 Haushalte bereitstellen. Dazu kämen 34'000 Tonnen getrockneter Klärschlamm. Der Weg über den Ersatzbau sei zudem auch kein finanzielles Risiko für die Verbandsgemeinden, da notabene keine Steuergelder verwendet würden.
Keine Steuergelder deshalb, weil der Bau der KVA zwischen der erzo KVA und der Renergia Zentralschweiz AG entstehen soll. Rund 250 Millionen Franken soll der Bau kosten, was auch laut Thomas Peyer «ein sportliches Ziel» darstellt, aber durchaus realitisch sei. Dazu wird auch eine Aktiengesellschaft gegründet, an welcher sich die erzo KVA zu 35 %, die Renergia Zentralschweiz AG zu 65 % beteiligt. Wegen dieser private Zusammenarbeit entstehe oft ein Missverständnis, das neben dem Renergia Vizeverwaltungsratspräsident Jean-Claude Balmer auch Gemeindepräsident Markus Steiner ins Gedächtnis rief: Die Gemeindeversammlung vom 26. März entscheidet nicht über den tatsächlichen Bau der neuen KVA, sondern nur über dessen Fundament, die Einzonung der angrenzenden Parzelle 420, auf welcher der Bau seinen Platz finden soll. Momentan befindet sie sich noch in der Landwirtschaftszone, sie soll auf Empfehlung des Gemeinderates in Bauland umgezont werden.
«Die Renergia erwartet ein rentables Investment», stellte Balmer klar. Der Entscheid des Aktionariats der Renergia, das analog der erzo aus Gemeindeverbänden besteht, ist diesbezüglich noch nicht gefallen. Und die Hürde für ein Investment sei ausserordentlich streng: Viele Anlagenprojekte hätten derzeit Probleme. Trotzdem habe man bei diesem Projekt ein gutes Gefühl, weil ein einzigartiger Weg gegangen wird. Falls der Entscheid trotzdem negativ ausfallen sollte, würde das eingezonte Land automatisch wieder zur Landwirtschaftszone zurückfallen.
Hat also die Stimmbevölkerung neben der kommenden Gemeindeversammlung nichts mehr zu sagen? Vizegemeindepräsident Werner Amsler räumte zum Ende mit diesem Bedenken auf. Mit der Einzonung macht der Souverän lediglich die erste von vielen Türen auf, um den Ersatzbau zu planen. Alle weiteren Entscheidungen müssen von den Abgeordneten (gewählte Gemeinderäte, die auf Anweisung des Gesamtgemeinderates abstimmen) genehmigt werden. Und: Die Entscheidungen unterliegen dem fakultativen Referendum. Die Geschichte zeigt, dass dessen Ergreifung mehr als möglich ist: 2003 wurde eine zweite Ofenlinie in der KVA gekippt.
Joel Dreier
Lade Fotos..