Regula Stirnemann
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Von links: Jacqueline Wick (Junge Mitte), Lukas Abt (Junge SVP), Leander Rüede (Junge Grünliberale), Jan-Alexander Frei (Jungfreisinnige), Jonathan Benz (Moderator), Ugur Diktas (JUSO), Eli Müller (Junge EVP), Ruben Brönnimann (Junge Grüne). Bild: Joel Dreier
Am vergangenen Montag veranstaltete der Verein «Discuss it» einen «Polit-Crash» mit diversen Jungpolitiker/innen in der Kantonsschule Zofingen. Streitpunkt: Die «Service-citoyen»-Initiative, welche am 30. November vor das Stimmvolk kommt.
Zofingen Die «Service-citoyen»-Initiative spaltet dieser Tage so einige Gemüter. Mit der Idee, die Wehrpflicht, welche momentan nur für Männer gilt, zu einem allgemeinen Bürgerdienst für alle zu transformieren, lässt das Initiativkomitee viele Allianzen brechen – und mindestens genauso viele formen. So zum Beispiel im Lager der Freisinnigen und der Mitte. Während die Mutterparteien die Nein-Parole fassen, vertritt der «Nachwuchs» das Ja. Doch konträr kamen ganz neue, fast «unheilige» Ehen zustande: so als Teile des Nein-Komitees, bestehend aus Ex-Grünen-Chef Balthasar Glättli, SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor und Arbeitgeberpräsident Severin Moser, erstmals vor die Medien traten – Köpfe, die sonst wohl nicht viel gemein haben. Ein Muster, das sich auch beim «Polit-Crash» weiterführen sollte.
Denn auch in Zofingen zogen sich politische Gegensätze an, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Das Format des «Polit-Crash» sieht nämlich vor, dass zu Beginn ein Statement eingeblendet wird. Je nach Zustimmung platzierten sich die Jungpolitiker/innen nach links (stimmt nicht zu) oder nach rechts (stimmt zu). So stand Lukas Abt, Grossrat und Vertreter der Jungen SVP, zusammen mit JUSO-Vorstand Ugur Diktas und dem Jungen Grünen Ruben Brönnimann auf der linken Seite, als es um das Argument ging, die Vorlage würde die gesellschaftliche Solidarität fördern.
«Die Solidarität in der Gesellschaft würde vielleicht ein wenig erhöht», gibt Abt zu. Trotzdem sieht er im Grossen und Ganzen ein Netto-Minus: Der Dienst sei aus seiner Sicht nicht nötig, bremse junge Leute nur aus und schade obendrein noch der Armee. Leander Rüede von den Jungen Grünliberalen sieht das anders: Das Gruppengefühl, das im Militärdienst, aber auch im Zivildienst, bei den Pfadis und in Vereinen entstehe, sei in Essenz gleich: «Eine Gruppe von Menschen, die am gleichen Strang ziehen, um eine Aufgabe zu lösen.» Dieses Gefühl würde sich auch gesamtgesellschaftlich übertragen, so der Zugverkehrsleiter.
Doch sollte Solidarität nicht in-trinsischer Natur sein? Laut Rüede habe die schleichende Individualisierung der letzten Jahre, nicht zuletzt durch Social Media, zu einem «Ellbogendenken» geführt. Die reine Freiwilligkeit würde für grundlegende Veränderungen schlicht nicht mehr reichen. Junge Mitte- Frau Jacqueline Wick ergänzt: «Die Überwindung ist für viele junge Menschen neben der Schule und Ausbildung zuerst zu gross», meint sie. «Wenn man aber mal da ist, stellt es sich als halb so schlimm heraus.»
Klarer waren die Fronten bei der zweiten Frage: Sollte die Schweiz aufgrund der aktuellen internationalen Spannungen nicht das Militär ausbauen anstatt beim Bürgerdienst anzusetzen? Ablehnung erfuhr das Vorhaben von Rot-Grün. Es brauche keinen «Tubel», so Ruben Brönnimann von den Jungen Grünen, den Mannschaftsbestand mit dem deutschen Nachbarn abzugleichen – 147'000 Mann der Schweiz gegen 82'000 Deutschlands. Dieser Bestand und dessen eventuelle Vergrösserung würde zu finanziellen Lücken führen. JUSO-Mann Ugur Diktas doppelt nach und argumentiert, dass es «gar nicht sein könne», dass plötzlich so viel Nachfrage nach neuen Soldaten bestehe – zumal der Effektivbestand von 140'000 Soldaten schon erreicht sei. Abt, selbst Kompaniekommandant, entgegnet, dass Deutschland über eine Berufsarmee verfüge – was mit der Milizvariante in der Schweiz nicht vergleichbar sei. Dies, weil die Soldaten der Bundeswehr von Berufs wegen 365 Tage im Jahr bereit und ausgebildet seien, statt einmal im Jahr ein paar Wochen im WK zu fristen. «Wenn es ernst wird und man sich erst dann parat macht, ist es einfach zu spät», konstatiert der 28-Jährige.
In Zusammenhang mit der Abstimmung flammten vermehrt Diskussionen zur «Care-Arbeit» auf, also alle Tätigkeiten des Sorgens, Pflegens und Betreuens für andere Menschen und den Haushalt. Frauen leisten deutlich mehr dieser unbezahlten Arbeit, auch laut dem Bundesamt für Statistik. Deshalb argumentiert Ugur Diktas auch, dass ein zusätzlicher Dienst für Frauen nicht zumutbar sei, besonders weil sie in Beruf und Gesellschaft noch weit von einer realen Gleichstellung entfernt seien. Wick betont hingegen: «Ich finde es zum einen schwierig, Frauen zu bevormunden, dass sie das ja nicht könnten». Zum anderen müsse auch gesehen werden, dass Männer genauso Care-Arbeit leisten und trotzdem selbst neben Beruf und anderen Verpflichtungen die Wehrpflicht wahrnehmen müssen. Auch Jan-Alexander Frei von den Jungfreisinnigen findet, der Dienst sei für die Frauen durchaus zumutbar, auch was den Kinderwunsch betrifft. Vor allem weil der Bürgerdienst im frühen Alter beginnen würde, gleichzeitig das Durchschnittsalter für das erste Kind in der Schweiz bei 31 liegt.
Die Diskussion verlagerte sich in der Folge mehr zur eigentlichen Anerkennung der Care-Arbeit: Jacqueline Wick meint, dass der Schlüssel für die Lösung des Problems nicht in der Ablehnung des Bürgerdienstes liegt, sondern in der Anerkennung der Care-Arbeit – gesellschaftlich wie wirtschaftlich. Ein Punkt, dem Ugur Diktas zustimmen kann und eine Aufnahme der Care-Arbeit ins BIP vorschlägt. Doch solange nichts Konkretes passiert, sei ein Dienst auch nicht zumutbar. In der «goldenen Mitte» befand sich wohl Leander Rüede, der den Schluss bildete: «Die gesellschaftliche Gleichstellung der Frau ist noch nicht erreicht. Die gesetzliche Gleichstellung jedoch auch nicht – eine Dienstpflicht für alle könnte zu einer neuen Akzeptanz führen, die auch gesellschaftlichen Wandel antreibt.»
Joel Dreier
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