Regula Stirnemann
organisiert ab dem Januar 2026 den Kurs «Ladies Mountainbiketechnik 55+»
Kru Aurelio leitet das Singto Nak Muay Gym. Der Muay-Thai-Lehrer trainiert Kinder, Erwachsene und seine 15-jährige Tochter Amélie, fünfmalige Weltmeisterin, in Disziplin, Technik und dem kulturellen Erbe der traditionellen thailändischen Kampfkunst. Und: Bald wird man auch in Zofingen trainieren können.
Rothrist Die Luft im Singto Nak Muay Gym ist warm und schwer. Der süsslich-beissende Geruch von Schweiss hängt über den Matten. Aus dem Lautsprecher hallt Sarama, die traditionelle Instrumentalmusik des Muay Thai – schrille Klänge und dumpfe Trommelschläge geben den Rhythmus des Trainings vor. Auf der Matte bewegen sich die Kämpfer im Takt. Fäuste und Schienbeine treffen hart auf Pratzen, jeder Schlag sitzt, jedes Ausweichen ist präzise. «Hirni usschalte und explodiere!», ruft der Kru (Lehrer) über den Lärm hinweg. Der Trainer geht zwischen den Paaren umher, korrigiert Haltungen, treibt an – halb Befehl, halb Ermutigung, sodass seine Schützlinge alles geben.
«Muay Thai ist eine Kampfkunst aus Thailand, die sich besonders durch ihr breites Regelwerk und das reiche kulturelle Erbe definiert», erklärt der Muay-Thai-Kru und Trainer. Das breite Regelwerk sieht zum Beispiel vor, dass mit den fünf körpereigenen Waffen gekämpft werden kann – Fäuste, Ellbogen, Knie, Schienbeine und Füsse. In der ursprünglichen Form, dem Muay Thai Boran, kommen zusätzlich Aufstiegstechniken und der Bodenkampf zum Einsatz.
Ausserdem blickt Muay Thai auf eine lange Historie und kulturelle Bedeutung zurück. Jeder Kampf beginnt beispielsweise mit dem Wai Kru, einer Ritualzeremonie, bei der Lehrern, Trainern und Meistern Respekt gezollt wird.
Der Anstoss für seine Thaibox-Leidenschaft kam für den 45-Jährigen genauso überraschend wie unverhofft. In jungen Jahren schied der damals talentierte Fussballer aus einem Förderprogramm aus, das ihm einen Platz in einer Nachwuchsauswahl gesichert hätte. «Ich habe dort schlicht ‹nicht mehr gereicht›», erzählt er heute. Er sei «zu klein und leicht» gewesen, habe man ihm gesagt.
Über einen Kollegen fand er dann zum Thaiboxclub Grenchen, wo er erstmals in einer Gewichtsklasse kämpfen konnte. Der Rest ist Geschichte: In seiner 25-jährigen Laufbahn bestritt Kru Aurelio über 50 Kämpfe, reiste mehrfach nach Thailand und legte diverse Prüfungen ab. Heute trägt er den Titel des 11. Khans, den ersten von drei Lehrertiteln.
Trotz seiner grossen Leidenschaft für den Sport hatte er lange nicht geplant, sein eigenes Gym zu führen. «Auch das ist eine lange Verkettung von glücklichen Zufällen», erzählt er. Aus einem späten Studium entstand der Kontakt zum Judo-Club in Rothrist, der für seinen alljährlichen «Fun-Anlass» noch ein Highlight suchte. Er sprang ein und organisierte einen kurzweiligen Thaibox-Sommerplausch für rund 25 Kinder – 15 von ihnen blieben dauerhaft. «So habe ich mit Kindern begonnen, und mit der Zeit kamen auch mehr Erwachsene dazu.» So geht der 45-jährige auch mit einem lachenden und weinenden Auge aus Rothrist: Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, zieht er per Januar 2026 mit seinem Gym an der Unteren Grabenstrasse in Zofingen ein.
«Ich habe verstanden, dass es nicht um Sieg und Niederlage geht, sondern darum, etwas von Herzen zu machen.» Diesen Satz habe er von einem seiner jungen Kämpfer vernommen. «Das hat mich umgehauen!», erinnert sich Kru Aurelio. «Genau das ist Muay Thai: Die Leute haben viel mehr Struktur und Disziplin, umgeben sich weniger mit ‹Luusbuebe›, haben mehr Fokus.» Und: Viele Junge hätten mit dem Training oftmals bessere Schulnoten, schmunzelt er.
Viele hätten auch heute noch ein negatives Bild vom Kampfsport, von «Asozialen», die sich in dunklen Verliesen sinnlos kloppten. Doch zähle im Muay Thai alles andere als Gewalt um der Gewalt willen: Es gehe um Disziplin, Respekt und Selbstkontrolle. Wer das Gym betrete, merkt schnell, dass hier Teamgeist, Struktur und gegenseitige Unterstützung weit mehr als rohe Kraft oder Aggression zählen.
Das Talent für das Thaiboxen ist nicht nur Kru Aurelio vorbehalten. Ganz im Gegenteil: Es wurde Tochter Amélie regelrecht in die Wiege gelegt. Inzwischen ist die 15-jährige fünffache Weltmeisterin im Muay-Thai, vier Titel erkämpfte sie sich hintereinander. Der gemeinsame Nenner Muay Thai bringt Vater und Tochter zusammen, wie es wahrscheinlich nichts anderes könnte: «Wir haben eine unbeschreibliche Bindung zueinander», hält Kru Aurelio fest. Zu den vielen Hochs gesellen sich aber auch gelegentlich Tiefs: So bei einem Titelkampf dieses Jahres, als Amélie nach einem drehenden Ellbogen ins Gesicht K.O. ging und wortwörtlich bewusstlos in den Seilen des Rings lag. «Das war wirklich nicht schön», gibt er zu. «Du bist dir selbst immer bewusst, was passieren kann – ich hatte viele schlaflose Nächte», fügt er hinzu. Gleichzeitig habe seine Tochter ein Feuer, das seinesgleichen sucht. Er wolle und könne sie nicht bremsen, sondern müsse sie fördern. Trotz aller Risiken und Strapazen ist es für Vater und Tochter genau das Richtige: eine Lebensschule, die Generationen überbrückt.
Joel Dreier
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