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Gesund und stark durchs Alter: sodass man nicht nur ein Schatten seiner selbst ist. Joel Dreier
Was ist «alt»? Wann ist man eigentlich alt? Und vor allem: Wie gestaltet man diesen Lebensabschnitt am besten? Ein Referat der Altersexpertin Katrin Fritz, organisiert von der Alterskomission und Fachstelle für Altersfragen Zofingen, gab in der Stadtbibliothek packende Antworten – und machte Mut, den Lebensherbst mit Freude anzupacken.
Zofingen Man stelle sich vor, nach einer langen, erschöpfenden Odyssee in der Luft noch im überfüllten Flughafenbus zu stehen. Noch knapp habe man sich mittels Ellbogen einen Platz erkämpfen können, steht vor einem plötzlich ein junger, vitaler Mann auf – und bietet seinen Sitzplatz an: eine Frechheit sondergleichen! Man bietet doch nur alten Menschen einen Platz an. Oder ist man etwa selbst schon alt?
Diese Frage lässt sich laut Katrin Fritz, Stiftungspräsidentin und Geschäftsführerin von dementia.live, auf zwei Wege beantworten: Der eine Weg führt zu einem klaren «Ja» – davon ausgegangen, dass der biologische Alterungsprozess mit rund 20 Jahren beginnt. Der andere Weg führt in die Unklarheit: Beginnt «das Alter» ab der Pension? Zum Zeitpunkt des 80. Geburtstages? Oder wenn man aufgrund der vielen Autobahnvignetten auf der Frontscheibe kaum mehr die Strasse sieht? Eine definitive Antwort gebe es nicht: «Altern ist etwas sehr Subjektives», konstatiert die 56-Jährige.
An fast keinem Sachverhalt zeigt sich die fast widersprüchliche Natur der Thematik so deutlich wie bei der Frage nach der Unsterblichkeit. Denn auch das Publikum quittiert die Frage «Wollen Sie unendlich leben?» nur mit Kopfschütteln – entgegen den Bemühungen aus dem Silicon Valley. «Ist es also nicht tragisch schön, dass das Leben zu Ende geht?», fragt sie. «Es geht doch darum, wie wir unsere Zeit mit Bedeutung füllen und geniessen, nicht darum, ewig zu leben.»
Die Wissenschaft forsche zum Glück nicht nur an der erwähnten Unsterblichkeit, sondern auch daran, was auch die sterblichen Menschen im Alter glücklich macht. Harvard, eine führende US-Universität, begann im Rahmen einer Langzeitstudie im Jahre 1938, die Gesundheit einiger ihrer Studierenden zu beobachten. Es kristallisierten sich, 80 Jahre später, drei elementare Faktoren heraus, so Fritz: An erster Stelle standen die Beziehungen zu Familie und Freunden. «Wir brauchen das Gefühl, irgendwo hinzugehören, verstanden und gehört zu werden», sagt sie. Inspiration, Austausch und neue Perspektiven würden so möglich. Als zweiter Faktor wurde die Qualität dieser Beziehungen hervorgehoben: Verbindungen «einfach so» würden nicht reichen: «Wir brauchen jemanden, der sich wirklich für uns interessiert, der auch mal eine Frage stellt, diskutiert, mit uns zusammensteht – wie in guten und schlechten Zeiten», so Fritz. Apropos: Eine glückliche Ehe wirkte als dritter Faktor besonders positiv auf die Psyche.
Denn ein «Alleingang» im Leben wird vom eigenen Körper selten wohlwollend quittiert: Laut der Gerontologin (Altersforscherin) würden bis zu 15 Jahre Lebenszeit auf dem Spiel stehen. Extrovertiert müsse man aber beileibe nicht sein: So würden bereits kleine Alltagsbegegnungen im Tram, in der Migros und auf der Strasse reichen.
Doch nur mit der Psyche alleine sei es dann doch nicht getan: Ebenso bilden Bewegung und Ernährung neben der Psyche die grundlegenden körperlichen Säulen für ein angenehmes Älterwerden.
In Sachen Ernährung würde sich die mediterrane Ernährungsweise eignen. Diese basiert auf grossen Mengen an frischem Gemüse, Obst, Vollkornprodukten sowie Hülsenfrüchten und setzt vor allem auf Olivenöl als wichtigste Fettquelle. Ergänzt wird sie durch regelmässigen Konsum von Fisch und Meeresfrüchten. Diese Ernährungsweise würde auch die zunehmenden Arztbesuche, die im Alter anfallen, deutlich angenehmer gestalten; denn auch die Klassiker Cholesterin und Blutdruck sollten regelmässig gemessen und in der Regel gesenkt werden. Auch der Alkohol sollte in Massen genossen werden, verdeutlicht Katrin Fritz. «Bitte nicht darauf verzichten, wenn es Ihnen am Wochenende Spass und Freude bereitet» – aber auch dann sollte nicht zu tief ins Glas geschaut werden.
Geht es um die Bewegung, empfiehlt die Gerontologin vor allem das Tanzen, Singen und Musizieren. Dies, weil bei diesen Aktivitäten besonders viele Areale des Hirns beansprucht werden.
Ausserdem empfiehlt Fritz dringend das Tragen eines Hörgeräts oder einer Brille, falls dies benötigt wird. Denn: Wenn wir aufgrund unserer Seh- und Hörleistung nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können und abgeschottet sind, führt uns das zunehmend in die Einsamkeit – und fördert obendrein das Demenzrisiko.
«Das Älterwerden ist kein Wettbewerb», hielt Katrin Fritz zum Schluss fest. Es gehe nicht darum, wer am diszipliniertesten ist und am längsten lebt. Und sicherlich seien einige Umstellungen mit Anstrengung verbunden – diese könnten jedoch mit kleinen Schritten eingeführt werden. «Sie müssen gar nicht mit 10'000 Schritten am Tag anfangen; machen sie zuerst 1000 Schritte und schauen dann weiter.» Es gehe in erster Linie darum, sich auf die geschenkte Lebenszeit zu freuen. «Fokussieren Sie sich auf das, was Sie können, und haben Sie Mut, die Lebensphase ‹Alter› zu gestalten.»
Joel Dreier
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