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Schockanrufe, Phishing, Online-Anlagebetrug oder der «klassische» Enkeltrick: Die perfiden Maschen der Betrüger im digitalen Raum verursachen Schäden in ungeahnten Höhen. Im Fadenkreuz stehen vor allem ältere Menschen. Um aktive Präventionsarbeit zu leisten, referierte Bernhard Hitz, Fachspezialist der Kantonspolizei Aargau, im Sennhof Vordemwald zu den Gefahren.
Vordemwald Der schwarze Kaffee war frisch aufgebrüht und die Blaumeisen und Rotkehlchen zwitscherten ihre Lieder, als sich Frau Müller, wie jeden Morgen, zu den ersten Sonnenstrahlen in ihre Gartenlaube setzte. Die friedliche Stille wird plötzlich durch ihr Mobiltelefon gebrochen: Eine unbekannte Rufnummer erscheint auf dem Display. Trotz anfänglicher Skepsis nimmt sie den Anruf entgegen. Statt eines harmlosen Werbeanrufs erklärt ihr auf der anderen Seite eine Männerstimme eindringlich, dass ihre Tochter einen tödlichen Auffahrunfall verursacht habe. Sie werde nun in U-Haft genommen; es sei denn, sie überweise jetzt sofort 30'000 Franken als Kaution. Überrumpelt und heillos überfordert zahlt Frau Müller – und muss feststellen, dass ihre Tochter zehn Minuten später wohlauf an der Haustüre steht und selbst aus allen Wolken fällt.
Fälle, die besorgniserregend oft bei den Behörden eingehen, wie Bernhard Hitz, Fachspezialist Prävention bei der Kantonspolizei Aargau, bitterlich weiss. Alleine letztes Jahr gingen 56 Meldungen zur Kategorie «Schockanruf» ein, die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen, denn es melden sich viele Opfer aus Scham nicht bei den Behörden. Doch Grund zur Scham besteht, laut Hitz, besonders für ältere Menschen nicht: «Es gheie aui druf ine», von Menschen ohne E-Mail-Adresse bis zur technikversierten «Gen-Z».
Eingangs behandelte Bernhard Hitz das «Einfallstor der digitalen Betrügerei» und die wohl bekannteste Form: das Phishing. Betrüger versenden dabei E-Mails im Namen bekannter, seriöser Firmen wie Microsoft oder DHL. Die Links innerhalb der Mails führen auf gefälschte Webseiten, auf welchen Passwörter, Zahlungsdaten oder anderweitige persönliche Daten abgefragt werden. Sind diese Daten erst bei den Tätern, können sich diese nach Lust und Laune bedienen.
Die Masche hat ein perfides Prinzip: «Es wird immer mit Zeitdruck gearbeitet», erklärt der Experte. Gleichzeitig werde auch eine Konsequenz angedroht, sollte die gesetzte Frist verstreichen. So will die vermeintliche DHL zwei Euro Zollgebühren – sollten diese nicht innerhalb von 48 Stunden gezahlt werden, drohe eine Busse. Erstes Warnsignal, neben der aggressiven Schreibweise, ist die Absenderadresse: Stimmt diese nicht mit dem realen Unternehmen überein, muss etwas faul sein. Auch die Links, die sich oft hinter Schaltflächen befinden, lassen sich inspizieren, indem man mit dem Mauszeiger darüber fährt (aber nicht klickt!): Bei einem faulen Link ist ein «Chrüsimüsi» zu lesen, aber nichts vom Namen des Unternehmens. Spätestens dann müssten die Alarmglocken läuten und das Mail gelöscht werden, so Hitz.
Betrogen wurde bekanntlich schon vor dem Internet: So stellt der Online-Anlagenbetrug eine recht «konservative» Betrugsform dar, deren Wurzeln wohl Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Jahre in die Vergangenheit zurückgehen. So ist die Sparte auch fast die beliebteste: 234 gemeldete Fälle ereigneten sich 2025 mit einer Deliktsumme von rund 20 Millionen Franken.
Das Internet bringt jedoch neue Dimensionen, die vorher kaum denkbar gewesen wären. So wird im Internet nach Kunden gefischt – unter anderem mit KI-generierten Videos von bekannten Gesichtern wie SRF-Moderatorin Mona Vetsch oder Ex-Tennisass Roger Federer. Ein 65-jähriger Mann wurde sogar von einer KI-generierten Version von Alt-Bundesrat Christoph Blocher überzeugt, 250 Franken bei einer betrügerischen Webseite zu investieren. Durch viele Telefonate und eine monatelange, enge Bindung investierte der Geschädigte am Schluss rund 240'000 Franken. «Oft werden die Opfer mit vermeintlichen Gewinnen bei der Stange gehalten, bis diese das Geld tatsächlich ihr Eigen nennen wollen», mahnt Hitz. Dann gibt es vor allem viele Geschichten – aber kein Geld, welches natürlich schon lange in den Taschen der Betrüger einen neuen Besitzer gefunden hat.
Hitz apelliert hier besonders an den gesunden Menschenverstand: «Besonders wenn es ums Geld geht, sollte man misstrauisch werden» und lieber einmal zu viel googeln: Eine solche Suche hätte ergeben, dass der Anbieter im genannten Fall den Sitz in Kingstown auf dem Staatsgebiet von Sankt Vincent und den Grenadinen hat – eine bekannte Adresse für Finanzbetrug. Und auch beim ehrlichen Investieren gilt die alte Regel: Nie alle Eier in einen Korb legen!
Dass es nicht nur ans Portemonnaie, sondern auch ans Herz gehen kann, zeigen die «Romance Scams» eindrücklich. Wer an kurze, unverbindliche Flirts denkt, fehlt weit: Die Betrüger schwindeln dem Opfer die grosse Liebe vor. Die (einseitigen) Beziehungen erstrecken sich dabei über Jahre, so wie der Fall eines Mannes im Aargau, welcher sich im letzten Jahr meldete. Seinen Erstkontakt hatte er bereits 2016. Der Fall spielte sich ab, wie viele davor und danach: Nachdem lange Zeit über Gott und die Welt geredet wird, auch gerne per Telefon, geht es umso schneller ans Eingemachte: Geld für das Visum, Geld für die Einreise in die Schweiz, Geld für einen Spitalaufenthalt – für jede Forderung wird eine passende Geschichte herbeigezogen.
Die Opfer sind oft so emotional investiert, dass sie komplett neben sich stehen. So gaukelte ein Betrüger einer Frau vor, dass der Liebhaber entführt wurde und Lösegeld zu zahlen sei – was sie zur Anzeige bei der Kantonspolizei brachte. Die Frau glaubte den Beamten jedoch nicht, dass es sich um Betrug handelte. «Ich weiss nicht, ob sie heute noch immer zahlt», muss Hitz zähneknirschend Bilanz ziehen. Besonders hier sei auch die Überwindung zur Anzeige hoch, aus 89 Fällen entstand eine Deliktsumme von ca. 1,9 Millionen Franken.
«Die 117 ist ein sicherer Hafen», unterstreicht Hitz zum Schluss die Rolle der Polizei. Bei Unsicherheiten habe man immer ein offenes Ohr und stehe zur Seite. Und eben: Lieber rufe man einmal zu viel an, als einmal zu wenig.
Joel Dreier
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