Alfred Stiner
Der Unterentfeldner Souverän gab grünes Licht für den Zusammenschlussvertrag mit Aarau
Donnerstag, 18. Juni 2026
Mit ihrem Aromaöl-Inhalationsgerät bietet KLAIR eine neue und auch günstige Rauchalternative, die vollständig ohne Elektronik, Batterie, Tabak oder Nikotin funktioniert.
Bild: zvg
Von der Garage zum Schweizer Familienunternehmen: Kevin Müller von KLAIR über den Aufbau einer neuen Produktkategorie im Bereich Rauchalternativen.
Manchmal braucht es nicht mehr als einen zufälligen Moment beim Scrollen durch soziale Medien, damit eine Geschäftsidee Gestalt annimmt. Für Kevin Müller war genau das der Ausgangspunkt für KLAIR, ein Schweizer Start-up aus Uzwil, das seit September 2025 eine Frage stellt, die im Markt für Rauchalternativen bislang kaum jemand gestellt hat: Warum greifen Menschen eigentlich zur Zigarette, und was brauchen sie wirklich, um damit aufzuhören?
Was wie eine simple Frage klingt, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als echter blinder Fleck einer ganzen Branche. Nikotinpflaster, Kaugummis, Sprays, E-Zigaretten: das Angebot an Rauchstopp-Produkten ist gross, und trotzdem scheitern Millionen von Menschen Jahr für Jahr bei dem Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören.
Kevin hat dafür eine klare Erklärung. Das Problem liegt nicht in erster Linie im Nikotin, sondern im Verlust der Gewohnheit. Die Zigarette nach dem Mittagessen. Die Pause mit den Kollegen. Der erste Zug nach einer stressigen Besprechung. Das alles sind keine Süchte im biochemischen Sinne, das sind Rituale. Und genau diese adressiert der Markt so gut wie gar nicht.
Kevin Müller lernte seinen späteren Mitgründer Claude Oertli am Arbeitsplatz kennen. Beide stellten schnell fest, dass sie unternehmerisch auf einer Wellenlänge liegen. Dann kam jener Social-Media-Post, der den Stein ins Rollen brachte: Ein ähnliches Produkt aus dem Ausland, ein erster Impuls, eine kurze Recherche und die Erkenntnis, dass es in Europa kaum vergleichbare Angebote gibt. Statt abzuwarten, entschieden die beiden: Wir bauen das selbst, und zwar besser.
Was folgte, liest sich wie ein klassisches Gründer-Narrativ mit allem, was dazugehört. Erste Skizzen auf Papier. Prototypen, die nicht funktionierten. Aromamischungen, von denen ein Grossteil im Müll landete. Die Garage als erstes Labor. Kevin beschreibt diese Phase ohne Romantik, aber auch ohne Bedauern. Scheitern gehörte dazu. Was zählte, war das Ergebnis, und das sollte stimmen, bevor irgendetwas nach aussen ging. Rund sechs Monate nach der ersten Idee ging KLAIR offiziell online.
Das Ergebnis dieser Entwicklungsarbeit ist KLAIR, ein mechanisches Aromaöl-Inhalationsgerät, das vollständig ohne Elektronik, Batterie, Tabak oder Nikotin funktioniert. Das Gerät basiert auf einem rein physikalischen Prinzip: Beim Einatmen wird Umgebungsluft durch eine austauschbare Aromakapsel gezogen, die einen Baumwollträger mit einer ätherischen Ölmischung enthält. Im vorderen Mundraum entsteht dadurch ein mildes Aroma. Kein Rauch, kein Dampf, kein Aerosol, keine Verbrennung. Kein Aufladen, kein Wartungsaufwand, keine technische Komplexität. Einfach in die Hand nehmen und einatmen, genau so, wie man es seit Jahren gewohnt ist.
Die Inhaltsstoffe der Aromakapseln basieren auf Stoffen aus der Lebensmittel- und Aromastoffverordnung. Hauptbestandteil ist Propylenglykol in Lebensmittelqualität, ergänzt durch natürliche und naturidentische Aromastoffe. Auf Nikotin, Teer, synthetische Stimulanzien und sämtliche CMR-Stoffe wird vollständig verzichtet. Eine Aromakapsel reicht für etwa drei Tage Nutzung, die Haltbarkeit liegt bei mindestens zwölf Monaten. Das Gehäuse ist wiederverwendbar, Batterien oder Akkus entstehen als Abfall keine, was KLAIR auch aus Umweltperspektive deutlich besser positioniert als Einweg-Vapes.
Regulatorisch bewegt sich das Produkt ausserhalb des Tabakproduktegesetzes. Das Bundesamt für Gesundheit ordnet KLAIR dem Lebensmittelrecht zu, da weder Tabak noch Nikotin enthalten ist und keine elektronische Funktion sowie keine Lungeninhalation stattfindet. Für das Unternehmen ist das kein Randdetail, sondern ein struktureller Vorteil bei der Marktpositionierung.
Wer verstehen will, warum dieses Konzept funktionieren kann, muss sich mit der Psychologie des Rauchens auseinandersetzen. Studien zeigen seit Jahren, dass der häufigste Auslöser für Rückfälle beim Rauchstopp nicht der körperliche Nikotinentzug ist, sondern der Verlust von kontextgebundenen Gewohnheiten. Der Körper vermisst das Nikotin. Der Kopf vermisst die Routine. Wer nur das eine anspricht, verliert meistens den Kampf gegen das andere.
Genau das ist der Kern des KLAIR-Ansatzes. Die Hand-zu-Mund-Bewegung bleibt erhalten, das ritualisierte Einatmen bleibt erhalten, was wegfällt sind die gesundheitsschädlichen Bestandteile. Das Unternehmen positioniert sich dabei bewusst ohne Anti-Raucher-Rhetorik, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne moralisch aufgeladene Kommunikation. KLAIR fragt nicht, wie man Nikotin ersetzt. KLAIR fragt, warum Menschen überhaupt rauchen. Wer diese Frage ernst nimmt, kommt zwangsläufig zu einer anderen Lösung als dem klassischen Entwöhnungsprodukt.
Was das Ganze zu mehr als einer typischen Start-up-Geschichte macht, ist das Team dahinter. KLAIR ist kein Unternehmen mit anonymen Investoren und angeheuerten Spezialisten für jede Aufgabe. Es ist ein Familienunternehmen, auch wenn dieses Wort im Kontext eines jungen und modern positionierten Produkts auf den ersten Blick überraschend wirkt.
Sybille Oertli, die Mutter von Mitgründer Claude Oertli, verantwortet Finanzen und Buchhaltung und bringt über dreissig Jahre Erfahrung im Rechnungswesen mit. Daniel Müller, der Vater von Kevin Müller, steht mit mehr als fünfundzwanzig Jahren Expertise in Präzisionsfertigung und CNC-Technologie für die Produktentwicklung und Produktion. Ergänzt wird das Kernteam durch Spezialistinnen und Spezialisten in den Bereichen IT, Shop-Entwicklung, Kundensupport sowie Lager und Logistik.
Wer denkt, das sei bloss ein netter Aufhänger für die Unternehmenskommunikation, unterschätzt, was dieser Umstand strukturell bedeutet. Entscheidungen werden anders getroffen, wenn man weiss, dass man am Abendtisch nochmals über sie sprechen wird. Vertrauen ist keine Floskel, sondern die Grundlage für jede Absprache. Und die Kombination aus unternehmerischer Energie der Gründer und handwerklicher sowie kaufmännischer Erfahrung der Elterngeneration ergibt ein Team, das sowohl Ideen entwickeln als auch umsetzen kann.
Die frühen Ergebnisse geben dem Konzept recht. Bereits in der dreimonatigen Testphase übertraf KLAIR das ursprünglich gesetzte Ziel eines sechsstelligen Quartalsumsatzes. Sechs Monate nach der Gründung zählt das Unternehmen über 3'500 aktive Kundinnen und Kunden, die das Produkt aktiv als Begleiter beim Rauchstopp nutzen. Was mit zwei Modellen und fünf Geschmacksrichtungen startete, umfasst mittlerweile zehn Designs und siebzehn Aromen. Die Nachfrage wächst kontinuierlich, und der Vertrieb läuft bislang ausschliesslich über den eigenen Onlineshop.
Die nächsten Schritte sind bereits geplant. KLAIR soll perspektivisch auch im stationären Handel erhältlich sein, konkret an Tankstellen, Kiosken und Supermarktkassen. Orte also, an denen Raucherinnen und Raucher ohnehin einkaufen und an denen ein kompaktes, leicht verständliches Produkt ohne grossen Erklärungsbedarf funktioniert.
Kevin selbst vergleicht die langfristigen Ambitionen mit Markennamen wie Tempo oder Pampers, also Eigenmarken, die zu Gattungsbegriffen wurden. Der «Aromaölinhalator» hat noch keinen allgemeinen Begriff, und KLAIR will genau diese Lücke füllen. Das Ziel ist klar formuliert: Marktführer in Europa werden und den eigenen Markennamen als Bezeichnung für die gesamte Produktkategorie etablieren.
Das ist ein grosser Anspruch für ein junges Unternehmen aus dem Kanton St. Gallen. Aber die Logik dahinter ist nachvollziehbar. Wer zuerst eine Kategorie definiert, bestimmt die Spielregeln. Und wer das mit einem Produkt tut, das echte Lücken schliesst, statt bestehende Lösungen leicht zu variieren, hat zumindest einen strukturellen Vorteil gegenüber jedem, der später nachzieht.
Die Garage in Uzwil ist Geschichte. Geblieben ist die Haltung dahinter: erst verstehen, was wirklich nicht funktioniert, dann bauen.
Auf www.klair.ch erhält man alle weiteren Informationen.
pd
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