Regula Stirnemann
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Künstlich generierte Bilder finden immer öfter in der Werbung Anwendung. Die Ausführungen von KI-Experte Claudio Paonessa waren hochspannend.
Bild: Olivier Diethelm
Durch Innovationen hat sich der Berufsalltag immer wieder verändert – so wird es auch bei der Künstlichen Intelligenz sein. Ein spannender Vortrag im Stadtmuseum Aarau gab Einblicke in den aktuellen Stand der Entwicklung.
Aarau Im Stadtmuseum Aarau gab Claudio Paonessa, KI-Experte, vor kurzem einen vertieften Einblick in den aktuellen Stand der künstlichen Intelligenz und ihre Bedeutung für die Arbeitswelt. Zu Beginn führte er anhand des «Gartner Hype Cycle» in das Thema ein. Der Zyklus beschreibt die Phasen, die neue Technologien bei ihrer Einführung durchlaufen: vom technologischen Auslöser über den Gipfel überzogener Erwartungen und das anschliessende Tal der Enttäuschungen bis hin zum Pfad der Erleuchtung, an dessen Ende das Plateau der Produktivität steht – der Moment, in dem sich eine Technologie etabliert hat. Als Beispiel eines solchen Auslösers nannte Paonessa den Start von ChatGPT im Jahr 2022.
Aktuell, so Paonessa, deuteten viele Entwicklungen darauf hin, dass sich KI auf dem Weg ins Tal der Enttäuschungen befinde. Der mediale Hype sei überschritten, viele Erwartungen hätten sich als übertrieben herausgestellt. Die Vorstellung, KI könne kurzfristig alle Jobs ersetzen oder sämtliche Geschäftsprobleme lösen, habe sich als unrealistisch erwiesen.
Stattdessen handle es sich bei KI um ein mächtiges und doch anspruchsvolles Werkzeug, das aber menschliche Steuerung und Anpassung von Prozessen benötigt. Zahlreiche Unternehmen könnten von KI derzeit gar noch nicht profitieren, weil grundlegende Schritte wie die Digitalisierung oder eine ausreichende Datenqualität fehlten. Gleichzeitig entstünden aus anfänglichen Spielereien immer häufiger produktive Anwendungen, die echten Mehrwert generierten.
Die Technologien entwickeln sich jedoch unterschiedlich schnell. Von der sogenannten allgemeinen Künstlichen Intelligenz, die tatsächlich als «intelligent» im menschlichen Sinne gelten würde, sei man noch weit entfernt – hier rechnet man mit mindestens zehn Jahren bis man das Plateau der Produktivität erreicht hat.
Aktuelle Zahlen aus einer Forbes-Umfrage in den USA zeichnen ein ambivalentes Bild: Über 75 Prozent der Verbraucher befürchten Fehlinformationen durch KI, 77 Prozent fürchten einen Arbeitsplatzverlust. Gleichzeitig setzen bereits 72 Prozent der Unternehmen KI in mindestens einer Geschäftsfunktion ein und mehr als 60 Prozent erwarten eine Steigerung von Produktivität und Kundenzufriedenheit, während 43 Prozent Sorge vor einer zu starken Abhängigkeit von der Technologie haben. Weltweit könnten laut Schätzungen bis zu 400 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, dies beträfe rund 10 bis 15 Prozent der arbeitenden Bevölkerung.
Konkrete Beispiele zeigten, dass diese Veränderungen bereits begonnen haben: Zalando hat im Kundendienst 450 Stellen gestrichen, Amazon kündigte aufgrund neuer KI-Tools den Abbau von 14'000 Stellen in der Verwaltung an. Gleichzeitig betonte Paonessa, dass die sichtbarste Veränderung derzeit die persönliche Produktivitätssteigerung sei. Routinetätigkeiten liessen sich automatisieren und Texterstellung, Recherchen oder Programmieraufgaben könnten deutlich beschleunigt werden. Der Einsatz der KI sei momentan eher eine Ergänzung als ein Ersatz menschlicher Arbeit.
Eine Studie aus Deutschland aus dem Jahr 2024 untermauert dies: 45 Prozent der Unternehmen hoffen auf mehr Effizienz, 60 Prozent setzen bereits KI ein. Pro Mitarbeitenden könnten so rund zwölf Stunden Arbeit pro Woche eingespart werden. Besonders betroffen vom Wandel sind vor allem Büro- und Verwaltungstätigkeiten, gefolgt von Kundenservice und Betrieb sowie Produktion.
Gleichzeitig verschieben sich Qualifikationsanforderungen. Hoch-schulabschlüsse verlieren an Bedeutung, während Kompetenzen in der Anwendung von KI (z. B. Prompting, also die Vorgabe von Informationen oder Befehlen an eine KI), Kommunikation, Empathie und vernetztes Denken wichtiger werden und teilweise sogar zu höheren Löhnen führen können. Besonders grosse Sorgen vor Jobverlust bestehen in unteren Lohngruppen.
Unternehmen sollten eine transparente KI-Strategie entwickeln, in Weiterbildung und Umschulung investieren und offen über den Einsatz der Technologie kommunizieren. Arbeitnehmende wiederum seien gut beraten, sich aktiv weiterzubilden, Soft Skills zu stärken und sich offen für neue Arbeitsweisen zu zeigen.
Im Anschluss zeigte Paonessa verschiedene konkrete Anwendungsbereiche. KI im Kundenservice entlaste den First-Level-Support durch Chatbots, im Marketing ermögliche sie hyperpersonalisierte Inhalte. Kreative Bereiche profitieren von KI als Ideengenerator oder in der Bildbearbeitung. In Industrie und Produktion habe sich KI bereits für vorausschauende Wartung, Qualitätskontrolle mittels Computer Vision oder die Optimierung von Lieferketten bewährt.
Unter den Chancen von KI hob Paonessa Produktivitätssteigerungen, die Entlastung im Fachkräftemangel, die Demokratisierung von Fähigkeiten sowie neue innovative Lösungswege hervor. Demgegenüber stehen Risiken wie der Verlust traditioneller Kompetenzen, Fragen zu Datenschutz und Urheberrecht, die Gefahr von Voreingenommenheit, Falschinformationen und soziale Ungleichheit bei mangelndem Zugang zu modernen Technologien.
Zum Abschluss demonstrierte Paonessa praktische KI-Anwendungen, unter anderem im Bereich der Prozessautomatisierung. Als Fazit bleibt, dass sich die Entwicklung nicht aufhalten lässt. KI wird berufliche Lebensbereiche nachhaltig verändern, so wie es technologische Innovationen bereits mehrfach in der Geschichte getan haben, wie etwa der Bürocomputer anfangs der 1980er-Jahre.
Von Olivier Diethelm
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